DE:BUG Kolumne 9, August 2000




ZOOLOGIE UNSERER WELT
von Rafael Horzon
direkt aus Berlin



Rafael Horzon, 30, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe modocom (www.modocom.de) und Autor der Bücher "Modern sein – Fit im Kopf ins dritte Jahrtausend. Vol 1 + 2", schreibt exklusiv für DE:BUG über aktuelle Tendenzen in Naturwissenschaft und Forschung.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,


die Flora und Fauna unseres Planeten ist von bestürzender Artenvielfalt. Paradieskäfer, Laguna-Falter, Zerubin-Warane – schwer vorstellbar, dass die kostbare Ornamentik und zuweilen hochkomplexe Lebensform dieser Tiere ein Ergebnis genetischer Zufallssprünge sein soll. In dieser neuen Kolumne "Zoologie unserer Welt" möchte ich Ihnen die wohl ungewöhnlichsten und bizarrsten Tiere unserer Erde vorstellen. Evolutions- versus Schöpfungstheorie: Die Entscheidung für oder gegen eines dieser Systeme möchte ich Ihnen im Anschluss an die Lektüre selbst überlassen.

Folge 1: Der Schabrackentapir

Der Schabrackentapir (Tapirus indicus) gehört zu den wohl ungewöhnlichsten und bizarrsten Tieren unserer Erde. Er ist beheimatet in den tropischen Sumpfdschungeln Südostasiens, vorwiegend in Malaysia, Thailand und Indonesien.
Als Unpaarhufer gehört der Schabrackentapir derselben Ordnung an wie das Nashorn und das Pferd (Ordnung Perissodactyla), in Aussehen und Verhalten ähnelt er jedoch mehr dem Wildschwein oder dem Flußpferd.
Seinen Namen verdankt das Tier seiner auffälligen Körpermusterung, der vom restlichen, schwarzen Körper scharf abgesetzten weißen bis silbergrauen "Schabracke", die sich von Schulter bis Hinterbein erstreckt. Der Ausdruck "Schabracke" (der umgangssprachlich auch eine unansehnliche Frau bezeichnet) stammt ursprünglich aus dem Türkischen und bezeichnet die reichverzierte farbige Decke unter dem Reitersattel. Im Gegensatz zur "Schabrunke", der Decke über der Reitersatteltasche. In anderen Sprachen heißt das Tier nach dem Ort seines Vorkommens schlicht "Malaiischer" bzw. "Indischer Tapir" (Malayan tapir, Tapir de l'Inde).

Verhalten
Obwohl der Schabrackentapir einen unbehenden Eindruck macht, bewegt er sich mit erstaunlichem Geschick auch durch den dichtesten Busch. Schabrackentapire sind nachtaktive und sehr scheue Tiere und gehen erst in der Dämmerung oder im Morgengrauen auf Nahrungssuche. Den Tag über verbringen sie in Schlafverstecken, wobei ihre Musterung sie erstaunlich gut tarnt. Auf offenem Feld wäre das Tier sehr auffällig, im dichten Wald ist es im Wechselspiel von Licht und Schatten nur schwer zu entdecken.

Gewässer
Der Schabrackentapir bevorzugt die Nähe von Gewässern, in die er sich bei drohender Gefahr flüchten kann. Diese Verteidigungstrategie stellt seinen einzigen Schutz gegen Tiger und Leoparden dar, die ihrer Beute nur ungern ins Wasser folgen. Schabrackentapire dagegen sind ausgezeichnete Schwimmer und können auch breite Ströme problemlos durchqueren. Ausserdem lieben sie es, sich im Wasser abzukühlen.
Gerne werden diese Bäder auch mit der Nahrungssuche verbunden. Dabei stehen die Tapire bis zum Kopf im Wasser und weiden so die Uferpflanzen ab. Sie können aber auch ausdauernd tauchen und weiden anscheinend auch den Grund von Gewässern. Die Nahrung der Tapire besteht aus Blättern, dünnen Zweigen, Knospen, Früchten und winzigen Insekten.

Wahrnehmung
Beim Fressen bedient sich der Schabrackentapir seines Rüssels. Er kann mit ihm zwar nicht wie der Elefant Dinge aufnehmen, aber er kann beispielsweise Zweige und Schösslinge umgreifen und abrupfen. Beim Weiden am Boden ist der Rüssel dagegen eher hinderlich und wird deshalb zur Seite gebogen. Der Rüssel verleiht den Tapiren auch ihren ausgesprochen feinen Tastsinn, da er mit Tasthaaren besetzt ist. Mit seinem Rüssel prüft der Tapir seine nächste Umgebung und nimmt mit ihm auch Kontakt zu seinen Artgenossen auf. Auch der Geruchsinn des Tapirs ist sehr gut ausgeprägt, ebenso sieht und hört er ausgesprochen gut. Trotz seines plumpen Aussehens ist der Schabrackentapir ein sehr sensibles Tier, das auf die geringste Störung äusserst schreckhaft reagiert.

Gefahren
In seiner Heimat wurde der Schabrackentapir wegen seines schmackhaften Fleisches lange Zeit gerne gejagt, mit einigen Ausnahmen: In Süd-Burma etwa wurde der Tapir als heiliges Wesen verehrt und daher geschont, in Malaysia wurde er in bestimmen Gebieten mit dem Ausbruch von Grippe in Verbindung gebracht und daher gemieden.
Heute ist die Jagd der geschützten Tiere streng verboten. Dabei kommt den Schabrackentapiren zugute, daß sie keinen als Trophäe geeigneten Körperteil besitzen wie zum Beispiel das Nashorn oder der Elefant. Auch der ausgestopfte Kopf des Schabrackentapirs wird auf dem Weltmarkt der Trophäenhändler niedriger gehandelt als etwa Löwen- oder Tigerköpfe. Die Hauptbedrohung für den schwer anpassungsfähigen Schabrackentapir liegt daher heute in der fortschreitenden Besiedelung und wirtschaftlichen Ausbeutung seines Lebensraumes.

Besuch
Die einfachste Möglichkeit, die Besonderheiten des Schabrackentapirs zu studieren, bietet neben einer Reise in seine Heimatgebiete ein Besuch im Tiergarten. Der Berliner Zoologische Garten besitzt drei Exemplare, es gehört allerdings einiges Glück dazu, die Tiere in ihrem Freigehege anzutreffen: Da Schabrackentapire nachtaktive Tiere sind, verbringen sie den Tag häufig im Schatten, verborgen hinter einer Mauer im Freigehege, oder dösend im Tapirhaus. Die Tapirfamilie im Berliner Zoo besteht aus den erwachsenen Weibchen Lydia und Nora und deren Sohn Hanno (geboren 8.12. 1996). Der Vater Bernhard ist leider schon vor einiger Zeit verstorben. Tierpfleger Günther Pott ist stets gerne bereit, Fragen zu seinen Schützlingen zu beantworten.




Mit freundlichen Grüssen, und bis zum nächsten Mal, Ihr



Rafael Horzon






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