DE:BUG Kolumne 8, Juli 2000




FAITH POPCORN – REVELATIONS OF A GODDESS
von Rafael Horzon
direkt aus Berlin-Mitte



Rafael Horzon, 30, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe modocom (www.modocom.de) und Autor der Bücher "Modern sein – Fit im Kopf ins dritte Jahrtausend. Vol 1 + 2", schreibt exklusiv für DE:BUG über neue Marketingkonzepte, Trends und Megatrends.




"In meinem Leben hat es zwei Offenbarungen gegeben: Die erste war der Bebop, die zweite das LSD"
Faith Popcorn




Liebe Leserinnen, liebe Leser,


als ich Anfang der 90er Jahre als Abiturient nach Boston ging, um Wirtschaftsrecht zu studieren, erschien mir die Welt wie ein Wunder. Das Leben war eine Herausforderung und ein Versprechen. Und der Schritt in die "Neue Welt" war wie eine erste Erfüllung.
Eines Tages entdeckte ich in der Bibliothek der Boston University ein Buch. Es hiess "The Popcorn Report", seine Autorin: Faith Popcorn.
Ich war nicht der einzige, der dieses Buch in einer Nacht verschlang und noch tagelang an nichts anderes mehr denken konnte. Auch meine Kommilitonen waren wie paralysiert. Nächtelang diskutierten wir über einzelne Ideen und Thesen, und wir waren uns einig: Dies war die Sprache der Zukunft. Wir verehrten Faith Popcorn wie eine Göttin, ihr Buch, der Popcorn-Report, war unsere Bibel. Und unser grösster Wunsch war es, die berühmteste Trendforscherin der Welt einmal persönlich zu treffen.
Am 18. Mai 2000 ging, zumindest für mich und meine Ex-Kommilitonen Ingo Niermann und Antje Majewski, dieser Traum in Erfüllung: Faith Popcorn kam nach Berlin, um auf einem Recycling-Kongress über die Trends des nächsten Jahrtausends zu sprechen.
Wir waren bereits lange vor Beginn der Veranstaltung erschienen und warteten in der Lobby der Kongresshalle. Plötzlich ging ein Raunen durch den Raum: In der Tür stand Faith Popcorn. Applaus brandete auf. Faith Popcorn lächelte, musterte kurz die Anwesenden, erfasste die Situation in Sekundenschnelle. Ihren Augen entging nichts. In ihrer Hand hielt sie ein winziges Aufnahmegerät, in das sie ununterbrochen Gedankenblitze und Ideen diktierte. Ein junger Mann in weissen Slippern ging an ihr vorüber, Faith Popcorn diktierte: "White slippers seem to be the fashion-trend of the coming season."
Wir waren begeistert. Doch noch bevor wir sie ansprechen und um ein Autogramm bitten konnten, rief eine angenehme Lautsprecherstimme die Anwesenden in den Konferenz-Saal. Der Vortrag begann.

Mit einer Sensation. Denn noch vor dem Beginn ihres eigentlichen Vortrages lüftete die zierliche Forscherin das Geheimnis ihres Namens: Ihr Urgrossvater, ein Ziegenhirt in einem sizilianischen Dorf, hiess mit Nachnamen Corne, und weil er so umgänglich war, nannten ihn alle nur "Pappa Corne". Als er dann nach der grossen Ziegen-Seuche am Anfang des letzten Jahrhunderts nach Amerika auswanderte, verkürzten die Einwanderungsbeamten seinen Namen von "Pappa Corne" auf "Popcorn".
Faith Popcorn lächelte. Applaus brandete auf. Nur meine Begleiter und ich sahen uns erstaunt an. Denn in ihrem soeben erschienenen neuen Trend-Report "Clicking" hatte die Forscherin eine ganz andere Erklärung gegeben: "Eines Tages entschied mein Chef Gene, dass "Popcorn" für ihn als Italiener leichter auszusprechen sei und obendrein lustiger klinge als mein eigentlicher Familienname Plotkin. Da clickte es auch bei mir. Denn jetzt hatte ich plötzlich einen Namen, der zu mir passte: spassig, witzig, funky, quicklebendig, ungewöhnlich, befreiend, unvergesslich."
Ein Umstand, der uns verwirrte. Allerdings nur bis zu dem Moment, in dem uns Faith Popcorn in einem persönlichen Gespräch das vielleicht wichtigste Geheimnis ihres Lebens anvertraute.
Von diesem Moment trennten uns noch ein Vortrag und zahllose Trends.

Faith Popcorn sprach über "Cocooning": Ende der 80er war ihr aufgefallen, dass die Menschen tiefe Ringe unter den Augen hatten und insgesamt recht ungesund aussahen, weil sie nach der Arbeit die Nacht durchtanzten, sich betranken und nur noch für einen kurzen Erholungsschlaf nach Hause gingen. Eine Prognose drängte sich auf: In Kürze werden die Menschen ihren anstrengenden Lebenswandel ändern und sich auf den Komfort ihres Heimes besinnen. Und tatsächlich stellte sich Cocooning als der Megatrend der folgenden Jahre heraus: Die überwiegende Mehrheit der Menschen regelt ihre Alltagsgeschäfte und Einkäufe heute bequem via Internet und verlässt höchstens noch einmal pro Tag "real" ihr Zuhause.
Faith Popcorn sprach über "99 Lives": Durch die Vielseitigkeit unseres Lebens sind wir immer öfter gezwungen, nicht nur eine, sondern mehrere, in manchen Fällen sogar "99" Rollen gleichzeitig zu spielen: Eine Frau ist unter Umständen gleichzeitig erziehende Mutter, kochende Ehefrau, selbständige Journalistin, begeisterte Bogenschützin, Kellnerin, Malerin und Musikerin. Und ein Mann gleichzeitig Schulbusfahrer, Eisverkäufer, Lehrer, Animateur, Tankwart, Torwart und Totengräber. Eine auferzwungene Vielseitigkeit, die uns von Innen auffrisst, zerfasert und die bereits den nächsten Trend hervorbringt:
"Being Alive": Im Zentrum stehen dabei weder Karriere noch Geld oder Konsumgüter, sondern das einfache, ursprüngliche Gefühl zu leben: To be alive! Surfen, Saunen, Tanzen, Relaxen. Lebensgefühl "pur" empfinden.
"Atmosfear" heisst der Trend, der in uns die Angst vor verschmutztem Wasser und vergifteter Nahrung schürt. Der Folgetrend:
"SOS" – "Save Our Society", eine Zeitgeistströmung, die unser Handeln im Hinblick auf Umwelt, Ethik und Bildung bestimmt.
"EVEolution" bedeutet, dass die Frauen in ihrer gesellschaftlichen Rolle den Männern immer ähnlicher werden. Der Folgetrend:
"Mancipation", ein Wort, das sich von selbst erklärt.

Der Vortrag war zuende. Applaus brandete auf, Faith Popcorn lächelte. In der Lobby begegneten wir ihr, wir sprachen sie an, sie war herzlich. Unvergessliche Momente. Gemeinsam gingen wir an die Hotelbar, wir sprachen über Bourdieu, Fichte und d'Annunzio. Und irgendwann über Ginsberg, Burroughs und Timothy Leary. Faith Popcorn sagte: "In meinem Leben hat es zwei Offenbarungen gegeben: Die erste war der Bebop, die zweite das LSD". Sie erzählte von ihren Besuchen bei Timothy Leary, von Bewusstsein, Wahrnehmungsverschiebungen, Wirklichkeit. Und wir bemerkten immer mehr, wie kleinlich unsere Frage nach Pappa Corne und dem Namen Plotkin gewesen wäre. Cocooning, EVEolution, Atmosfear, Mancipation. Plötzlich verstanden wir die verborgene Bedeutung dieser Begriffe. Faith Popcorn war eine Dichterin, und sie sprach immer noch die Sprache der Zukunft.



Faith Popcorn: "Clicking". Der neue Popcorn Report. Heyne Verlag, DM 19,90

Foto: Antje Majewski






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