DE:BUG Kolumne 6, Mai 2000




DAS NEUE BERLIN
von Rafael Horzon
direkt aus Berlin-Mitte



Rafael Horzon, 29, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe modocom (www.modocom.de) und Autor der Bücher "Modern sein – Fit im Kopf ins dritte Jahrtausend. Vol 1 + 2", schreibt exklusiv für DE:BUG über neue Marketingkonzepte, Trends und Hypes aus der Hauptstadt.




Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Kids


Berlin ist die Werkstatt der deutschen Einheit, der Schmelztiegel der Nation. Hier wurde und hier wird Geschichte geschrieben. Heute, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, fünfzig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik erhält Deutschland ein neues Zuhause: Das Neue Berlin.
Berlin im Jahre 2000 ist eine faszinierende, pulsierende Metropole, die sich täglich neu erfindet. Die Glitzerwelt der neuen Geschäftsviertel und der verblichene Charme des ehemaligen Ostens prallen hier direkt aufeinander, nirgendwo in Europa liegen Arm und Reich so nah beisammen, und nirgendwo sonst wird gerade durch diese Gegensätze eine solche Kreativität und Energie freigesetzt.

In dieser neuen Kolumne möchte ich Sie einladen, gemeinsam mit mir auf Entdeckungsreise zu gehen. Tauchen Sie ein in die Untiefen des Molochs Berlin, in die verborgene Welt der Club-Culture, flanieren Sie mit mir über die glitzernden Boulevards, vorbei an den Trümmerfeldern des letzten Krieges, die sich in den Chromfassaden der Neubauten spiegeln. Und: Machen Sie sich gefasst auf einen etwas längeren Ausflug: Berlin ist die Stadt, die niemals schläft, Berlin kennt keine Sperrstunde, Berlin hat 24 Stunden geöffnet!


Tempel einer neuen Religion
Bum, Bum, Bum. Wir stehen im angesagtesten Club der Stadt, dem "Blu" am Potsdamer Platz. Eine Lichtanlage, die soviel Strom verbraucht wie eine niedersächsische Kleinstadt, blendet den Besucher. Boxen, gross wie Strandkörbe, peitschen die Beats in die Nacht. Ekstatische Schreie der Tanzenden übertönen den "wall of sound", der über die Tanzfläche rollt. Das "Blu" ist der Tempel einer neuen Religion, der DJ ihr Hohepriester. Vor zehn Jahren begann Techno von Berlin aus seinen Siegeszug in die Welt. Hunderte von Clubs sichern heute den Ruf Berlins als Partymetropole Nummer eins, die Love Parade gilt als Symbol eines neuen, weltoffenen Berlin.

Ein neues Selbstverständnis
Nur wenige hundert Meter vom Potsdamer Platz entfernt: Der Rohbau des Kanzleramtes. Ein imposanter Bau, ein genialer Wurf, der vom neuen Selbstverständnis Berlins als Hauptstadt erzählt. Vorbei die Zeiten, als Regierungsbauten nur steingewordene Kompromisse waren: 1989 fiel die Berliner Mauer, 1990 war Deutschland wiedervereinigt, nur ein Jahr später beschloss der Bundestag den Umzug von Bonn nach Berlin. Eine Entscheidung, die uns allen gutgetan hat: Denn hier in Berlin sind die Probleme der Menschen und der Einheit gewissermassen physisch zu spüren. Eine Ausflucht in den Elfenbeinturm – wie in Bonn – ist für die Politiker nunmehr unmöglich geworden.

Magnetische Anziehungskraft
Wir wenden uns nach Norden, vor uns erhebt sich der Reichstag, der Sitz des deutschen Bundestages. Seine gläserne Kuppel symbolisiert die Offenheit und Transparenz des deutschen Parlaments. Und über Nacht ist diese Kuppel zum neuen Markenzeichen Berlins geworden, einem Symbol von magnetischer Anziehungskraft: 151.300 Berliner wollten bereits in den ersten drei Tagen nach Fertigstellung einen Blick in die über 1000 Tonnen schwere Dach-Konstruktion werfen, standen zum Teil schon ab 4.30 Uhr in über 300 Meter langen Schlangen vor dem 14 Meter hohen Eingangsportal.

Amusement pur
"Entschuldigung, ohne Sakko kein Einlass." Die Stimme des Türstehers klingt freundlich, aber bestimmt. Eine Gruppe unpassend gekleideter Touristen zieht enttäuscht, aber verständnisvoll nickend von dannen. Keine Chance, das "Chip" im Hilton Hotel ist einer anderen Spezies vorbehalten: Hier tanzen die Entscheidungsträger des Neuen Berlin, hier gilt auch noch weit nach Mitternacht: Amusement pur. Doch irgendwo werden auch unsere Touristen heute abend noch unterkommen – das Nachtleben Berlins ist vielfältig wie nirgendwo sonst auf der Welt!

Das architektonische Herz
Ein Betonskelett ragt in den nächtlichen Himmel: Der Palast der Republik, asbestverseucht, seiner Funktion als Aushängeschild der DDR beraubt. Hier stand einst das Stadtschloss der Hohenzollern, bevor es von alliierten Bomberverbänden in Schutt und Asche gelegt wurde. Viele fordern heute den Wiederaufbau des Schlosses, Hunderte von Arbeitsplätzen könnten so über Jahrzehnte gesichert werden. Und noch wichtiger: Berlin könnte so sein architektonisches Herz zurückerhalten. Nicht als Königspalast, sondern als multinationales Kongresszentrum, mit Bibliotheken, Restaurants und Workshops für Sprayer und HipHopper.

Ideale statt Ideologie
Wie gut eine solche kritische Rekonstruktion funktionieren kann, zeigt sich am wieder aufgebauten Hotel Adlon: Für den Laien erschliesst sich kaum, dass es sich hier um einen Neubau handelt. Bis ins letzte Detail, von der Regenrinne bis zum lakai-betrassten Hotelpagen wurde hier das Denkmal einer vergangenen Epoche wiederhergestellt. Und dieses Beispiel macht Schule: Immer mehr Architekten gehen dazu über, auch in Neubauten klassische Ideale zu verwirklichen, statt falsch verstandener Bauhaus-Ideologie zu frönen.

Quicklebendige Kultur – vitale Wirtschaft
Die Oranienburger Strasse. Café reiht sich an Café, Feuerschlucker und Gaukler lassen den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Im "Tacheles" schweissen Künstler aus Rost und Kot ihre ganz eigene Vision vom Neuen Berlin zusammen. Wer weiß, vielleicht werden wir diesen Werken dereinst in den Museen dieser Welt wiederbegegnen.
Auch ansonsten zeigt sich das kulturelle Leben Berlins quicklebendig: 60.000 Sitzplätze in Kinos, Cabarets und Theatern, vierzehn grosse Musical-Bühnen zählt das Neue Berlin, täglich 2600 Ausstellungen bieten eine Fülle an Inspiration und Muße.
Und auch das wirtschaftliche Leben zeigt sich äusserst vital, noch nie boten sich Berlin – als Drehscheibe zwischen Ost und West – so zahlreiche Perspektiven. Das Neue Berlin baut seine Zukunft, sucht und findet seinen Platz im Neuen Europa.


Sie sind neugierig geworden auf das Neue Berlin? Kein Wunder, Berlin hat für jeden etwas zu bieten, für Jung und Alt, Gross und Klein. Sie haben nur wenig Zeit? Dann besuchen Sie Berlin doch einfach im "Cyberspace" (www.dasneueberlin.de), aber vergessen Sie nicht: Einen wirklichen Besuch kann auch die schönste Site im Internet nicht ersetzen.




Mit freundlichen Grüssen, und bis zum nächsten Mal, Ihr



Rafael Horzon






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