DE:BUG Kolumne 5, April 2000




BRENNPUNKT GENTECHNOLOGIE
von Rafael Horzon
direkt aus Herne



Rafael Horzon, 29, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe modocom (www.modocom.de) und Autor der Bücher "Modern sein – Fit im Kopf ins dritte Jahrtausend. Vol 1 + 2", schreibt exklusiv für DE:BUG über drängende Fragen an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend.




Liebe Leserinnen, liebe Leser


Die Welt im Jahre 550 nach Erfindung der Druckerpresse. Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht die postindustrielle Gesellschaft vor enormen sozialen Veränderungen, Stichwort "Bevölkerungsexplosion", Stichwort "Hungersnot", Stichwort "Seuchen, Bakterien- und Pilz-Befall". Die treibende Kraft bei der Lösung dieser Probleme ist – wohl oder übel – die Gentechnologie. Eine Wissenschaft, an der sich gerade in den letzten Jahren eine weltweite Diskussion entzündet hat. Im Zentrum des Interesses: Die Klonierung des Menschen. "Viel Lärm um nichts", wie mir scheint. Wozu fünfzig oder hunderttausend Mark an ein Labor zahlen, wenn ich auf klassischem Wege zu einem ähnlichen Ergebnis kommen kann, zum Preis von einem Blumenstrauß für meine Frau und einem fernsehfreien Abend. Doch bleiben wir bei den Fakten.

KRIMINALISIERUNG DER STEINZEIT
Schon in grauer Vorzeit begann der Mensch, Kulturpflanzen und Haustiere zu züchten. Durch gezielte Auslese entstanden aus Gräsern Getreidesorten (z.B. Roggen), aus wilden Tieren zahme Ziegen, Schafe und Rinder, aus dem Wolf der Haushund. Einziger Nachteil dieser Selektionsmethode: Die Langsamkeit. Dem Neanderthaler war es egal, er kannte keinen Terminkalender. Heute liegen die Dinge (leider) anders. Zeitdruck bestimmt unser Leben. Die moderne Gentechnologie entwickelte daher Methoden, mit denen sich Eigenschaften viel schneller und gezielter neu kombinieren lassen. Heute ist es möglich, die Erbsubstanz DNS in Abschnitte zu zerlegen, neu zu kombinieren und in Organismen einzupflanzen, die sich anschliessend wieder vermehren. Solche veränderten Organismen (z.B. Schaf + Ziege = "Schiege") sind nach wie vor Lebewesen, die durch quasi natürliche Vorgänge entstanden sind. Denn auch mittels der Gentechnologie lässt sich kein "künstliches Leben" erschaffen. Lediglich das Äußere der Organismen und Pflanzen wird leicht frisiert (mehr Wolle, mehr Fleisch, größere Körner), dies aber mit sehr viel wirksameren Methoden, als es dem Steinzeitmenschen möglich war. Wollte man unsere heutigen Biologen verdammen, müsste man auch den Neanderthaler "a posteriori" zum Verbrecher abstempeln. Würde eine solche Verurteilung Sinn machen? Es darf bezweifelt werden.

KOMMUNIKATION, TRANSPARENZ, VERSTÄNDNIS
Worin begründet sich also das Misstrauen, das heute der Gentechnologie entgegenschlägt? Zum einen neigt der Mensch dazu, alles Neue und Unbekannte grundsätzlich mit Vorsicht zu geniessen. Dieses Verhalten hat dem Menschen über Milliarden von Jahren das Überleben gesichert und darf daher nicht verurteilt werden. Die Lösung heißt in diesem Fall: Mehr Kommunikation, mehr Aufklärung, und noch einmal mehr Kommunikation. Transparenz ist das Gebot der Stunde, adressiert an die Halbgötter in "Weiss".
Doch auch wir (die Gesellschaft) müssen lernen, die Gruppe der Forscher und Gelehrten besser zu verstehen. Frage: Was bringt einen Menschen dazu, bis spät in die Nacht im Labor an Experimenten zu arbeiten?
Letztendlich ist es wohl die Neugier, die uns allen innewohnt. Wir möchten unbekannten Vorgängen auf die Schliche kommen und verstehen, was täglich tausendfach in jedem Lebewesen passiert.
Der Mensch möchte
...die Grundbausteine des Lebens erforschen.
...erfahren, wie es die Natur geschafft hat, eine solch wunderbare Vielfalt an Lebewesen hervorzubringen.
...versuchen, diese Vielfalt weiter zu bereichern.
Vor allem möchte der Mensch jedoch Wissen erlangen und es zum Lösen von Problemen einsetzen.

CHANCEN DER GENTECHNOLOGIE
Grösste Hoffnungen in die Möglichkeiten der Gentechnologie sind berechtigt: Neue Medikamente können entwickelt werden, Seuchen wie Cholera oder "AIDS" könnten unter Kontrolle gebracht werden, das Nahrungsmittelproblem könnte durch die Entwicklung neuer Tier- und Getreidesorten (mehr Wolle, mehr Fleisch, größere Körner) binnen kurzem gelöst werden.

KNOCKOUT MÄUSE
Von grosser Bedeutung für die medizinische Grundlagenforschung sind in diesem Zusammenhang die sogenannten "Knockout-Mäuse". Bei diesen Tieren wird kein fremdes Gen eingeführt, sondern ein natürlich vorhandenes Gen ausgeschaltet. Damit können natürliche menschliche Erbkrankheiten "in der Maus" simuliert werden. "Knockout-Mäuse" dienen so als Modelle für Krankheiten und bilden die Grundlage für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden. Auch wenn wohl keiner von uns die sogenannten "Knockout-Mäuse" um ihr Schicksal beneidet – missen möchten wir sie dennoch nicht.

BLINDHEIT
Hunderte von Millionen Menschen ernähren sich fast täglich mit traditionellen Kulturpflanzen wie Reis und Cassava (Maniok). Aber Reis enthält von Natur aus zu wenig Provitamin A und Eisen. Vitamin A-Mangel führt jährlich bei einer Million Kindern zur völligen Blindheit. Mit Gentechnologie lässt sich der Nährwert traditioneller Kulturpflanzen verbessern, Gentechnologie schiebt der Blindheit einen "Riegel" vor und leistet einen wichtigen Beitrag zur Linderung der Mangelernährung in Entwicklungsländern.

GEN-MAIS
Forschern in den USA gelang es, mithilfe der Gentechnologie eine Maissorte zu züchten, die in Aussehen und Geschmack herkömmlichen Maissorten weit überlegen ist. Zudem ist dieser Gen-Mais gegen Schädlinge resistent, benötigt weniger Dünger und schont somit die Umwelt.

Dies sind nur wenige Beispiele, die die Möglichkeiten der Gentechnologie aufzeigen. Sicherlich können sie allein uns Menschen nicht die Furcht vor einer neuen, rätselhaften Technologie nehmen. Doch vielleicht konnten sie helfen, die Gentechnologie und ihre Folgen besser zu verstehen. Als ein Geschehen in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.




Mit freundlichen Grüßen, und bis zum nächsten Mal, Ihr



Rafael Horzon






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