DE:BUG Kolumne 10, September 2000
WAS IST EIGENTLICH MOBBING?
von Rafael Horzon
direkt aus Heiligendamm
Rafael Horzon, 30, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe modocom (www.modocom.de) und Autor der Bücher "Modern sein Fit im Kopf ins dritte Jahrtausend. Vol 1 + 2", schreibt exklusiv für DE:BUG über aktuelle Themen, Trends und Tendenzen aus dem Business-Bereich.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
was ist eigentlich "Mobbing". Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein 35-jähriger Mann arbeitet als Marketing-Assistent in einem Start-Up-Unternehmen. Aufgrund eines angeborenen, kaum merkbaren Sprachfehlers kann dieser Mann nicht korrekt zwischen verschiedenen Dental-, Zisch- und Labial-Lauten unterscheiden und verdreht und verwechselt zusätzlich auch noch ganze Wort-Teile. So kommt es bei ihm je nach Tagesform immer wieder zu zugegebenermassen völlig absurden Wortverdrehungen wie zum Beispiel "Bart-Nische" statt "Markt-Nische", "Masturbation" statt "Masterplan", oder "Obduktion" statt "Produktqualität". Leicht verständlich, dass dieser Mann dem ständigen Spott seiner Kollegen ausgesetzt ist. Schliesslich kommt es zu folgender Situation: Der Marketing-Assistent betritt wie jeden Morgen um halb 10 das Loft seines Start-Up-Unternehmens (Andango, Alambo, Antando, ...), einer der Kollegen ruft "Obduktion", der Assistent dreht sich erschrocken um, übersieht eine Aktentasche, stösst einen spitzen Schrei aus, fällt unglücklich und bricht sich den linken Arm. Da er Linkshänder ist, kann er zwei Monate lang seinen Beruf nicht ausüben. Das Arbeitssgericht entschied in diesem Fall: Der Arbeitgeber ist verpflichtet, dem Marketing-Assistenten seinen Verdienstausfall für die zwei Monate in voller Höhe zu erstatten, ausserdem mussten sich sämtliche Mitarbeiter in einer schriftlichen Unterlassungserklärung verpflichten, in Zukunft alle Scherze und Anspielungen auf die geschilderte Sprachschwäche zu unterlassen.
Traurig, dass es überhaupt soweit kommen musste. Denn gerade im Business-Bereich sind wir auf Teamgeist und Kollegialität angewiesen, Verhöhnung und Ausgrenzung von Mitarbeitern kann sich wie Gift auf das Betriebsklima auswirken, Synergien werden zu Antagonien, die Produktivität stagniert, der Spass an der Arbeit erlischt. Um das Phänomen "Mobbing" wirksam zu bekämpfen, möchte ich in dieser neuen Kolumne gemeinsam mit Ihnen Begrifflichkeiten klären, Ursachen suchen und Lösungsvorschläge im Umgang mit Mobbing aufzeigen:
1. Was bedeutet das Wort "Mobbing"?
Ethymologisch gesehen geht das Wort auf den englischen und auch im Deutschen gebräuchlichen Begriff "Mob" zurück, der sich wiederum aus dem Lateinischen ableitet: "mobilis" bedeutet beweglich, im ausgeweiteten Sinn umherstreunend, ohne festen Wohnsitz. "Mob" als substantiviertes und verstümmeltes Adjektiv bezeichnet also eine umherstreunende, aufgeputschte, randalierende Volksmasse. Pöbel.
Wenn wir also "Mobbing" betreiben, unsere Kollegen "mobben", bedeutet dies, dass wir uns gegenüber schwächeren Menschen wie aufgebrachter Pöbel verhalten. Was wir allerdings meist nicht absichtlich tun, vielmehr werden wir Menschen in diesem Fall zum Opfer unseres genetischen Codes:
2. Wo liegen die Ursachen für dieses Verhalten?
Homo homini lupus. Der Mensch ist aufgrund seines genetischen Codes daraufhin programmiert, andere Menschen wie ein Wolf zu bekämpfen (durch Mobbing zu terrorisieren), um dadurch selber Vorteile zu erlangen (im Unternehmen aufzusteigen). Beispiel: Einem Creative Developper einer Werbeagentur wird immer wieder deutlich gemacht, dass seine Vorschläge überhaupt nicht gefragt sind, dass sie für seine Kollegen sogar eine "Zumutung" darstellen. Nicht durch Worte, sondern durch Gesten der Verachtung: Tiefes, hörbares Ausatmen, langsames Kopfschütteln, allgemeines Schweigen, jedesmal, wenn er einen Vorschlag anbringt. Nach acht Jahren hält es der Creative Developper nicht mehr aus. Nicht ein einziger seiner Vorschläge ist umgesetzt worden. Von einem Tag auf den anderen wechselt er in ein anderes Unternehmen. Das Personal-Karussel in seinem vorigen Unternehmen rotiert. Durch Mobbing steigen seine Ex-Kollegen um jeweils eine Position auf.
3. Weitere Fälle
Eine Mitarbeiter eines Sägewerks, der an der Kreissäge zwei Finger verloren hat, wird von seinen Mitarbeitern permanent mit dem "Victory"-Zeichen begrüsst. Eine Sachbearbeiterin in einer Baubehörde wird von ihren Kollegen ständig gehänselt. Ein Rechnungsprüfer eines Versicherungskonzerns wird von seinen Kollegen ständig verlacht.
4. Wie kann Mobbing verhindert werden
Um das Mobbing wirksam zu verhindern, sollte es in einer frühen Phase erkannt und bekämpft werden, im Idealfall sogar in einer Vorphase, noch bevor es zum eigentlichen Mobbing kommt. Als hilfreich haben sich hier sogenannte Relationsspiele erwiesen, die von professionellen Schauspielern gemeinsam mit den Betriebsangehörigen entwickelt werden: Die Mitarbeiter schildern in Einzelsitzungen ihre Sicht des Betriebsklimas und der innerbetrieblichen Spannungen. Aus den einzelnen Schilderungen setzen die Schauspieler ein kleines Theaterstück zusammen, das die Zusammenarbeit im Betrieb schildert. Dieses Stück kann beispielsweise bei einem Betriebsfest aufgeführt werden und führt den Betriebsangehörigen Ihr Fehlverhalten vor Augen. In Zukunft wird es in diesem Betrieb nicht mehr zum Mobbing kommen.
Mit freundlichen Grüssen, und bis zum nächsten Mal, Ihr
Rafael Horzon
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