Rafael Horzon
Kolumne für die Zeitschrift "Der Freund", Ausgabe 8
Meine Sekten
Letzte Folge: Eine Woche Scientology
Mein Bericht richtet sich an Leute, die von ihrem Partner oder einer Gruppe den Vorschlag bekommen haben, eine Woche bei Scientology zu verbringen, und nicht wissen, ob das prinzipiell für sie was wäre, da für sie Scientology oder "Dianetik" nicht zu den zentralen Fragen ihres Lebens gehören, sie also weniger aus innerer Überzeugung mitfahren würden.
Ich war mit meiner Freundin in der Woche vom 3.-10.4.2006 bei Scientology in Hamburg. Da waren lt. offiziellen Angaben rund 200 Gäste (hauptsächlich "Jugendliche", 16-29 Jahre) anwesend. Der Platz ist ausreichend für 600 Gäste (darüberhinaus wird improvisiert). Nach meiner Schätzung sind ca. 2/3 der Gäste weiblich.
ANREISE UND KOSTEN:
Es gibt wöchentliche Pendelbusse. Ich fuhr mit einem Bus von Locker Tours von Feldkirch (Österreich) nach Hamburg, das kostete 56,50 EUR. Die Fahrt dauerte von 22:45 bis 7 Uhr (mit Pausen). Zum Glück war der Bus nur halb ausgelastet, sodass jeder einen Doppelsitz zur Verfügung hatte und so besser schlafen konnte. Ich war dennoch von der Reise so müde, dass ich erst 2 Tage nach der Ankunft mein Schlafdefizit einigermaßen ausgeglichen hatte.
Für das Essen und alle anderen Unkosten haben wir 350 EUR pro Person bezahlt. Wer nicht so viel bezahlen kann, bekommt u. U. eine Ermäßigung.
Die Heimreise im Bus kostet nochmals den gleichen Betrag wie die Anreise.
PRAKTISCHE MITARBEIT:
Jeder Scientology-Besucher muss entweder ein ganztägiges Dianetikstudium machen oder einen halben Tag lang Dianetikstudium und die andere Hälfte "praktische Mitarbeit". Für die "praktische Mitarbeit" stehen mehrere Möglichkeiten zur Wahl, die bei der ersten Versammlung vergeben werden:
- Wenn man sich für die Küche meldet, kann man viel Spaß haben: Beim Abwaschen gibt es immer gerne Wasserschlachten. Wasserempfindliche Elektrogeräte sollte man nicht bei sich haben, da man im Extremfall auch ein ungewolltes Vollbad verpasst bekommen kann. Einige zogen sich eine Regenjacke an, wenn sie den Abwasch machten.
- Vorsicht, wenn Leute für das "Welcome Team" gesucht werden. Hinter dem schönen Namen verbirgt sich nämlich in Wirklichkeit was ganz anderes als die Arbeit im Empfang! Die Aufgabe der Leute im "Welcome Team" ist es, im ganzen Scientology-Gebäude die Einhaltung der strikten Nachtruhe ab ca. 22:30 zu überwachen. Mir ist es selbst einmal passiert, dass ich mit meiner Freundin noch in ein Gespräch über Glaubensfragen vertieft war und unterschätzte, wie laut man mich außerhalb des Zimmers hören konnte, und plötzlich leuchtete eine grelle Taschenlampe in unser Zimmer mit der eindringlichen Aufforderung: "Be quiet!" ("Still sein!").
Zum "Welcome Team" gehört eine "Wache" am Ausgang vom Scientology Gebäude, damit niemand auf die Idee kommt, das (meines Wissens ohnehin nicht vorhandene) Nachtleben von Hamburg erkunden zu wollen. Die Wache geht erst um 23 Uhr schlafen.
Außerdem gibt es Mitglieder des "Welcome Teams", die dafür sorgen, dass niemand seine Dianetik-Studien "vergisst". Sie gehen durch, schauen in alle Zimmer und wecken ggf. Leute, die schlafen. Auch die Einhaltung des Alkoholverbots wird überwacht.
ESSEN:
Essen gibt es bei Scientology zu folgenden Zeiten: 09:00 Frühstück, 13:00 Mittagessen, 17:15 Tee mit einem Stück Kuchen oder ein, zwei Keksen, 19:00 Abendessen.
Zum Frühstück gibt es jeden Tag ein weißes Weckerl mit einem Päckchen Butter und eine kleine Stange (!) Schokolade (nur einmal gab es statt Schokolade Marmelade). Wie du das alles verwertest, ist deine Sache, denn es gibt kein Besteck und kein Geschirr dazu! Üblicherweise setzt man sich auf eine Bank, bricht das Weckerl mit der Hand auf, streicht die Butter direkt aus dem Päckchen hinein und gibt die Schokolade dazu. Wer will, kann sich natürlich auch Besteck von zuhause mitnehmen (aber das machen nur wenige). Zu trinken gibt es heißen Tee oder Kakao nach deiner Wahl. Da ich die Schokolade nicht gern so hart im Weckerl hatte, gab ich sie kurz in den Tee. Den Kakao fand ich weniger gut. Vielleicht wird er nur mit Wasser gemacht.
Besonders ulkig und gewöhnungsbedürftig fand ich, dass bei Scientology alle Getränke in kleinen Plastikschüsseln ausgegeben und getrunken werden. Es gibt keine Gläser oder Häferl! Die Plastikschüsseln wirken sehr billig und haben großteils Verfärbungen (wahrscheinlich von Kakao), die offenbar nicht mehr weggehen. Mich erinnerten die Plastikschüsseln an Untertassen für kleine Blumentöpfe. Ich weiß nicht, was der Vorteil dieser Plastikschüsseln sein soll. Man muss mit ihnen viel vorsichtiger sein, um nichts zu verschütten.
Das Essen und Trinken wird durch die Leute vom Küchen-Team ausgegeben. Es gibt nichts zum Selbernehmen, außer wenn etwas übrig geblieben ist. Das kommt dann an einen speziellen Ort, wo jeder zugreifen kann. Beim Frühstück und Nachmittags-Tee kann man sich auch nochmals anstellen, da hierfür keine Essensmarken verlangt werden.
Die Mittag- und Abendessen bei Scientology sind meist einfache Speisen, die keine langwierige Zubereitung benötigen (z. B. Eintopf, Püree, Reis, Gemüse, Teigwaren). Suppe gab es nie. Es gibt spezielles Essen für Vegetarier (aber Fleisch ist meist ohnehin nur in Spuren enthalten). Ich bewertete das Essen oft mit "gut" (4 Sterne), nur einmal mit "weniger zufrieden stellend" (2 Sterne). Man isst aus Plastiktellern und es gibt nur Löffel (vielleicht weil Messer und Gabeln den Plastiktellern zu stark zusetzen würden), aber für die Speisen ist das durchaus ausreichend. Es gibt keine Tische; man setzt sich auf eine Bank und nimmt sein Tablett auf die Schoß.
Als "Nachtisch" gab es Obst (Apfel oder Apfelmus, Birne, Banane oder Pfirsich), (Frucht-)Joghurt und/oder ein paar Kekse. Und fast bei jeder Mahlzeit waren ein paar Scheiben französisches Baguette und Käse dabei. Ich glaube, ich werde einige Monate keinen Käse mehr essen können. Nach den Mahlzeiten war ich nie wirklich satt; gerade, dass ich keinen Hunger mehr hatte. Ich vermisste bald Milch, Eier, Beerenobst und einige aufwendigere Speisen (z. B. Paniertes, Lasagne, Bratkartoffeln usw.). Am meisten störte mich jedoch, dass man nicht im vorhinein wusste, was es geben wird und man kaum selber was aussuchen konnte. Selbst wenn es verschiedene Alternativen gab, wusste man nicht vorher, in welcher Schlange man was bekommen würde. Man konnte nur nachher versuchen, einen Tauschpartner zu finden.
Für jede Mahlzeit musste man sich ca. 10 min anstellen. Die Zeit kann größer sein, wenn die oben erwähnten 600 statt 200 Gäste anwesend sind. Einmal dauerte es 30 min, bis ich das Mittagessen hatte.
Es gibt im Scientology-Gebäude einen Laden, wo man Mineralwasser und andere Getränke sowie (leider stark aromatisierte) Joghurts, Knabbergebäck, Schokolade u. dgl. kaufen kann. Die Auswahl ist sehr beschränkt, aber preislich sehr günstig, weil es zum Selbstkostenpreis abgegeben wird (dafür jedoch nicht in jeder Menge!). Man kann auch Kosmetik- und Schreibwaren sowie Batterien günstig kaufen.
Weiters gibt es Automaten, wo man Kaffee, Tee, Kakao und Limonaden für wenig Geld bekommen kann.
Als Alternative zum Mittagessen kann man (zu bestimmten Zeiten) auch Hot Dogs u. dgl. kaufen (auch günstig), jedoch muss man sich oft lange anstellen. Auch Eis ist erhältlich.
UNTERKUNFT:
WCs und Duschen gibt es in ausreichender Zahl. Für die Duschen ist es empfehlenswert, Badeschlapfen mitzuhaben. Wenn draußen starker Wind geht, kann einem beim Duschen kalt werden, denn die Kabinen haben nach außen hin keine Tür. Meine erste Dusche bei Scientology war mit kaltem Wasser. Danach entdeckte meine Freundin, dass es in anderen Etagen warmes Wasser gibt! Ich freute mich über diesen unerwarteten Komfort. Niemand sagte einem das. Jedoch gibt es warmes Wasser nur zeitweise. Ich vermute, wenn sich zu viele hintereinander duschen, wird's kalt, bis sich der Speicher wieder erwärmt hat.
Steckdosen zum Rasieren sind vorhanden. Es gibt sowohl 110 V als auch 230 V, und die üblichen Stecker passen. Es steht jedoch ausdrücklich drauf, dass diese nur für Rasierer vorgesehen sind. Ich weiß nicht, ob man sich irgendwo bei Scientology auch föhnen kann.
FAZIT PRO:
- Vielen gefällt, dass man bei Scientology so einfach über Dianetik reden kann und Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen kann.
- Auch die Gemeinschaft und der Gedankenaustausch wird als schön empfunden. Auch ich habe viel Interessantes gelernt.
- Der Vollständigkeit halber muss ich auch den günstigen Preis unter "Pro" nennen. Scientology-Fans sagen allerdings, das sollte absolut kein Entscheidungskriterium sein.
FAZIT CONTRA:
- Am Anfang etwas Verwirrung hinsichtlich organisatorischer Belange (Verwechslungen, Einteilung in falsche Gruppe, Missverständnisse zwischen Mitarbeitern...)
- Kein Alternativprogramm. Alles spielt sich von Anfang bis zum Schluss im Scientology-Gebäude ab. Es gibt keine gemeinsamen Ausflüge, Wanderungen o. dgl. Es wird von den Organisatoren auch nicht gern gesehen, wenn du selbst einen Ausflug machst, denn "dann wäre Scientology ja nur ein normaler Camping-Platz" und die Gemeinschaft fällt auseinander usw. Dennoch machen viele mal einen Abstecher ins Umland. Es fährt sogar ein Linienbus direkt vom Scientologygelände weg. Du musst dich aber am besten schon zuhause ein bisschen informieren, denn bei Scientology gibt es natürlich keine Wanderkarten oder Reiseführer zu kaufen.
- Essen: fand ich nicht schlecht, aber ich vermisste die Wahlmöglichkeiten. Es gibt keine Kochgelegenheiten. Eigenes Feuermachen ist nicht gestattet ("aus Sicherheitsgründen"). Der nächste "richtige" Supermarkt ist meines Wissens 10 km entfernt.
- Man kann sich ein bisschen in der Freiheit eingeschränkt fühlen.
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