Rafael Horzon
Kolumne für die Zeitschrift "Der Freund", Ausgabe 7



Meine Grillabende


Folge 1: Mit Hermann Henselmann

Feuer und Fleisch. Als ich den Auftrag für eine Kolumne mit diesem Titel in meinem Briefkasten fand, fragte ich als allererstes meinen sehr guten Freund Hermann Henselmann um Rat. Und kurz darauf schickte er mir nicht nur einen Rat, sondern gleich die komplette Kolumne, von ihm selbst verfasst! Sie war so amüsant geschrieben, dass ich diese Kolumne nun ausnahmsweise nicht selbst verfasse, sondern abschreibe. Natürlich mit der Genehmigung von Hermann Henselmann, dem berühmtesten Architekten der untergegangenen DDR, dem Schöpfer nicht nur der Paläste der Berliner Karl-Marx-Allee, sondern auch des markanten Fernsehturms. Hier ist, was er schreibt:


"Man soll sich nicht mit Grillen plagen." (alter Kalenderspruch)
Falsch - liebe Freunde - , ganz falsch, hier gilt es Vorurteile abzubauen. Grillen, sagen manche, ist der listige Versuch der Frauen, uns Männer zum Kochen zu veranlassen, den wir Männer mit der Erfindung des Schnellkochtopfes beantworten, um den Frauen das Kochen sozusagen schmackhaft zu machen. Also bringen wir Ordnung in diesen Meinungsstreit, der durch den Kampf um die Gleichberechtigung entstanden ist.
Grillen ist keine Tätigkeit, sondern eine Haltung. Zwar macht Grillen Arbeit, aber in einer solchen Form, dass sie als kultivierte Freizeitbetätigung selbst vom schärfsten BGL-Mitgleid anerkannt würde. Nicht schuften, nicht hasten - sondern die Geräte handhaben wie ein erfahrener Chirurg, ob Holzkohlengrill mit Blasebalg oder elektrisch mit Knöpfen.
Ruhe, Humor und Güte ausstrahlend, ein Schluck Rotwein oder Kognak zwischendurch, und ein Scherzwort über die Schulter - kurz männlich. So benimmt sich ein richtiger Griller.
Die wichtigste Zutat beim Grillen sind die Gäste. Ohne Gäste macht das Grillen keinen Spass. Das ist wie Dirigieren ohne Orchester. Doch jeder Gast eigent sich nicht zum Grillen. Backfische zum Beispiel sind nicht ernsthaft genug, und Stockfische sind wieder zu trocken. Gut abgelagerte Freundschaften eignen sich vorzüglich, durchsetzt mit Frauen oder Mädchen, mit denen man dann gemeinsam als Nachtisch Früchte vom Baume der Erkenntnis geniesst.
Grillen ohne Gewürze - materielle und geistige - geht nicht. Das wichtigste sind Würzsossen, die man selber machen oder kaufen kann: vom harmlosen Tomatenketchup bis zur Tobaccosauce und Gewürze vom Paprika über den Salbei bis zum Ingwer. Sage mir, wie er würzt, und ich sehe nicht nur, was er isst, sondern auch was er ist.
Wenn Sie aber einmal eine Menge Menschen um sich herum sehen wollen, vielleicht in einem Garten oder sonstwo, dann machen Sie ein Fest mit Holzkohlengrill. Fast alle Hochzeiten meiner vielen Söhne und Töchter feiere ich nur um einen Grill herum. Fleisch brutzelt in fürchterlichen Mengen, dazu ein Fässchen Rotwein, jeder sorgt für sich allein oder zu zweien. Es ist billig, turbulent, lustig, und kein Mensch merkt, dass die Gastgeber gar nicht mehr da sind. Meine Spezialität bei solchen Gelegenheiten ist Kalbfleisch mit Myrten vom Holzkohlengrill. Schade, dass nur noch eine Tochter unverheiratet ist. Ich grille so gern.

Grillwürstchen Rezept:
Zutaten: 4 Bockwürste, Öl zum Bepinseln, 2 Scheiben Schnittkäse, Weissbrot, Ketchup
Zubereitung: Die Würste 6 - 8mal quer einschneiden (nicht ganz durchschneiden!), mit Öl bepinseln. In die Wurstspalten Käsescheibchen stecken und über dem vorgeheizten Grill etwa 8 Minuten ringsum rösten. Mit heissem Ketchup und Weissbrot servieren. Guten Appetit.






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