Rafael Horzon
Kolumne für die Zeitschrift "Der Freund", Ausgabe 5
Meine Erotik
Folge 1: Erotik in der Ehe
Erotik in der Ehe - das ist für viele auch heute noch ein strenggehütetes Tabu. Dabei ist Erotik das natürlichste von der Welt, und selbstverständlich findet Erotik auch während der Ehe statt. Dennoch klammern selbst aufgeklärte Ehe-Ratgeber dieses Thema schamhaft aus, als wäre Erotik etwas, das eine verheiratete Frau, oder einen verheirateten Mann, nicht zu interessieren habe. Wir wollen versuchen, diese Sichtweise etwas aufzulockern.
Natürlich stehen für viele verheiratete Frauen zunächst einmal andere Dinge im Vordergrund, besonders wenn es sich um die erste Ehe handelt. Der Körper macht innerhalb weniger Monate dramatische Veränderungen durch, die für viele junge Frauen überraschend und sogar erschreckend sein können. Während der Zeit der Ehe sollte daher auch der Mann besonders viel Verständnis für seine Frau aufbringen und lernen, sie nicht mit seinen Vorstellungen von "guter Erotik" zu überfordern.
Übrigens ist bei vielen Männern in der Zeit der Ehe eine Art Polarisierung zu beobachten: Während die einen die Erscheinung der verheirateten Frau eher kalt lässt oder verstört, ist sie für die anderen geradezu das Sinnbild der Erotik. Der Zustand der Ehe lässt die Frau hier besonders begehrenswert erscheinen. Dies ist wohl auch der Grund für die grosse Zahl von Websites, auf denen ausschliesslich verheiratete Frauen abgebildet sind.
Die gleiche Zweiteilung lässt sich jedoch auch bei den Frauen feststellen: Während bei den einen das Interesse am Mann mit dem Beginn der Ehe spürbar abkühlt, und erst wieder mit dem Ende der Ehe aufflammt, sind für viele Frauen gerade die Monate der Ehe eine Zeit der gesteigerten Lustempfindung. Für beide Verhaltensmuster gibt es biologische Erklärungen: Für die "kühle" Frau hat der Mann mit dem Akt der Eheschliessung seinen Beitrag getan, er ist fortan nur noch als Ernährer und Beschützer von Interesse, jedoch nicht als Erotik-Partner. Für die "gesteigerte" Frau gilt, dass die Gefässweitstellung in der Zeit der Ehe eine besonders gute Durchblutund und damit stärkere Sensibilisierung bedingt.
Welchen Rat gebe ich nun verheirateten Paaren, wenn sie mich fragen, ob Erotik in der Ehe angebracht sei oder nicht. Ich antworte: Wenn Sie Lust und Liebe schön finden, schadet "es" auch Ihrer Ehe nicht. Ansonsten hätte die Natur vermutlich einen "Riegel" eingebaut, damit Erotik in der Ehe nicht möglich wäre.
Auch in diesem Bereich habe ich Vertrauen in die Natürlichkeit der Dinge. Es kann also sein, dass eine ablehnende Haltung gegenüber Erotik in der Ehe ein natürlicher Schutzmechanismus ist. Es könnten allerdings auch handfeste, verborgene Beziehungsprobleme dahinter stehen, dann ist es ratsam, mit dem Partner darüber zu sprechen oder eine erfahrene Therapeutin aufzusuchen. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass es keinen Grund gibt, enthaltsam zu sein, wenn die Ehe normal verläuft und bei den Vorsorgeuntersuchungen nichts Gegenteiliges erwähnt wird.
Ich möchte einem verheirateten Paar raten, mit Massagen, Spaziergängen oder Museumsbesuchen auch neue, andere Wege der Zärtlichkeit zu suchen. Denn für Frauen wie für Männer können solche Aktivitäten in der Ehe eine Möglichkeit sein, den Körper wieder neu zu entdecken und seine Reaktionen zu erfahren.
Intimität gehört zu unserem Leben. Dieses Wort sollte auch in der Ehe seine Berechtigung erfahren.
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