Rafael Horzon
Kolumne für die Zeitschrift "Der Freund", Ausgabe 4
Meine Wiegen
Folge 1: Der Ursprung des Schaukelns
Entgegen der Ansicht fast aller Autoren trete ich schon seit vielen Jahren ganz entschieden für das Wiegen der Kinder in einer Wiege ein. Für mein eigenes Kind habe ich eine Wiege anfertigen lassen, in der seitdem eine ganze Reihe von Kindern und jetzt bereits meine Enkelkinder gewiegt worden sind.
Die häufige Beobachtung älterer Kinder, die noch bis fast ins Erwachsenenalter heran jeden Abend oder auch mitten in der Nacht zum Schrecken ihrer Angehörigen und Nachbarn mit einem rhythmischen Singsang und schaukelnden Bewegungen alle nebenan, darunter und darüber Wohnenden wecken, brachte mich auf den Gedanken, den Ursachen dieses krankhaften Tuns nachzugehen.
Es zeigte sich, dass alle durch Zivilisation noch nicht verdorbenen Völker auf der ganzen Erde ihre Kinder selbstverständlich wiegen, vor allem nordische Völker, und dass die Menschen in den verschiedenen Regionen unseres Landes Wiegen der verschiedensten Art so lange verwendeten, bis sie durch moderne "wissenschaftliche" Lehren auf die falsche Weise "aufgeklärt" wurden.
Ausserdem ergab sich, dass alle gesunden Kinder das natürliche Bedürfnis nach wiegender Bewegung haben; siehe das Schaukeln der Kinder auf hängender Schaukel, Schaukelpferd oder Schaukelstuhl.
Die nächtlichen Schaukeleien sind also Versuche, die im Säuglingsalter nicht befriedigten Bedürfnisse nach rhythmischer Bewegung nachzuholen. Vielleicht ist auch der Hang unserer Jugend nach Jazz-Rhythmen aus einer Nichtbefriedigung rhythmischer Bedürfnisse zu verstehen.
Ich liess daher in grosser Zahl Säuglinge in Wiegen neuer und alter Bauart wiegen, wobei die Mütter das richtige Tempo durch das Singen eines Wiegenliedes herausfanden. Das Ergebnis war eindeutig. Von keinem der gewiegten Kinder habe ich jemals erfahren, dass es im zweiten Lebensjahr oder später beim Einschlafen noch "geschaukelt" werden musste. Das gesunde und absolut normale Bedürfnis nach rhythmischer Bewegung war durch das tägliche, nur kurze Minuten dauernde Wiegen im richtigen Lebensalter befriedigt worden, und damit hatte das Kind schlafen gelernt.
Niemals wird ein Kind dadurch verwöhnt; es braucht ja nur wenige Minuten gewiegt zu werden. Der Vorgang des Wiegens ahmt den rhythmischen Wechsel der Ein- und Ausatmung nach, wobei der kleine Ruck am Umkehrpunkt zwischen den Hin- und Herbewegungen in seiner steten Wiederholung die Ausschaltung des Bewusstseins aus dem Nervensystem anregt. Darauf folgt notwendigerweise das Einschlafen.
Bei unserem eigenen zweiten Kind fanden wir erst den richtigen Rhythmus heraus, als sich unsere damals sechsjährige Tochter an die Wiege setzte und dazu als Wiegenlied sang: "Hoch soll er leben"! Ein schöneres Wiegenlied fiel ihr gerade nicht ein, aber es tat seine Wirkung.
Eine baulich sehr schöne Schaukelwiege aus dem Jahr 1800 mit einem Uhrwerk, das die Wiege dreiundvierzig Minuten lang zum Schaukeln bringt, wie sie im Victoria und Albert Museum in London steht, ist allerdings nicht nachahmenswert. Bis etwa zu dem Zeitpunkt, wo das Kind die ersten Zähne bekommen hat, ist das Wiegen richtig. Danach gehört ein Kind in ein Bett.
Übrigens kann man ohne grosse Mühe und Kosten aus jedem Stubenwagen oder Kinderbett eine Wiege machen, indem man sie einfach auf ein Wiegengestell, ähnlich wie bei einem Schaukelpferd, befestigt. Solche Wiegengestelle sind in jedem gut sortierten Kinder-Kaufhaus erhältlich. Ihre Kinder werden es Ihnen danken.
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